Author Archive for Stern&Kringel

Villa sinnenreich

Die Sinne sind mitunter ganz schön fiese Verräter. Wie soll man zum Beispiel seinen Augen jemals wieder über den Weg trauen, wenn sie Kinder zu Riesen, Kurven zu geraden Linien und einen stabilen Raum zu einem betrunkenen Torkelkammerl machen? Für die Villa sinnenreich in der Nähe des Rohrbacher Bahnhofs haben Künstlerinnen und Bastler tief in ihrer Trickkiste herumgekramt, um die gewohnte Wahrnehmung der Welt – gelegentlich im wahrsten Sinne des Wortes – auf den Kopf zu stellen. Essbare Eintrittskarten in verschiedensten Geschmacksrichtungen, ein begehbares Kaleidoskop oder die Ruheoase in einer überdimensionalen Kuschelkokosnuss wecken die kindliche Neugierde, und schon bald hopst man voller Experimentierfreude durch die abwechslungsreich gestalteten Räume. Wer am Ende der ingesamt 50 Mitmachstationen noch nicht genug hat, kann sich auf dem knapp zweistündigen sinnenreich-Rundweg durch die Mühlviertler Hügelwelt den vielfältigen Sinneseindrücken und Illusionen hingeben.

Natur Werner

Die Nachbarinnen und Nachbarn haben ihm regelmäßig den Vogel gedeutet, erinnert sich Werner Öhlinger lächelnd. „Ich war immer schon ein Ökofreak“, erklärt er, warum er schon in den 1980er Jahren ein ökologisches Haus mit natürlichen Materialien und einer der ersten Photovoltaikanlagen des Landes gebaut hat. Seit dieser Zeit kennt er auch die Kärntner Naturfarben Auro, die der Anstoß für die Gründung seines eigenen Geschäfts waren. „In Linz hat’s die nirgends gegeben, also bin ich nach Kärnten gedüst und hab mit denen fix ausgemacht, dass ich das verkaufe“, schildert der gelernte Tischler und Einzelhandelskaufmann den Startschuss für seinen Laden im April 2009. Weil ihm die Holz- und Wandfarben allein aber zu wenig waren, hat er noch handgefertigte Naturmatratzen aus dem Mühlviertel, Filztaschen vom Sozialprojekt Alom in Haslach, Schafpelzpatscherl aus Salzburg und Bio-Unterwäsche für Kinder und Erwachsene dazugenommen. „Mir ist wichtig, dass die Wertschöpfung in der Region bleibt“, sagt Öhlinger. „Und dass alles, was uns direkt umgibt, frei von Giftstoffen ist.“

Gutes Finden

Die Donau ist verschwunden, auch von den Städten, den Bergen und den Seen ist nichts mehr zu sehen: Ganz Oberösterreich ist zugepflastert mit bunten Icons, die anzeigen, wo es regionale, biologische, fair gehandelte und klimafreundliche Produkte und Services zu entdecken gibt. Dass sich die nicht nur in den urbanen Ballungsräumen verstecken, zeigt die kostenlose App „Gutes Finden“: Der praktische Wegweiser zeigt auf einer übersichtlichen Karte oder in Listenform mehr als 1000 Restaurants, Lebensmittel- und Modegeschäfte, Hotels und nachhaltige Ideen in der unmittelbaren Umgebung und liefert die wichtigsten Informationen wie Kontaktdaten oder Produktsortiment. Zudem kann man neue Angebote hinzufügen oder die Unternehmen mit Goldsternchen für ihren Service belohnen. „Diese App“, sagt Norbert Reiner vom Klimabündnis Oberösterreich, „hilft allen Oberösterreicherinnen und Oberösterreichern, ein gutes und nachhaltiges Leben zu führen.“

Rex

Wie in Mamas Speis drängen sich die Rexglasln in der gläsernen Vitrine, nur dass sie hier statt Marillenmarmelade und Senfgurkerln fertige Gerichte wie Chili con Carne, Mohnschupfnudeln und Perl-Graupen-Suppe enthalten: In der Egger-Passage neben der Linzer Arkade versteckt, bietet das Rex – wie der Name schon vermuten lässt – warme und kalte Speisen im Pfandglas zum Mitnehmen oder zum gleich Genießen. „Eine wiederverwendbare Verpackung erspart viel Müll“, erläutert Lukas Brandstätter die Idee für sein Lokal. Außerdem wollte er eine Alternative zum Wurstsemmerl in der Mittagspause anbieten: Vier unterschiedliche Hauptspeisen finden sich auf der täglich wechselnden Speisekarte, eine mit Fleisch oder Fisch, die andere vegetarisch, die dritte eine Süßspeise und die letzte eine Suppe mit Gebäck von der Linzer Bäckerei Brandl. Aus österreichischen, teils biologischen Zutaten zubereitet, stehen vor allem heimische Klassiker auf dem Menü, sagt Brandstätter. „Und auch ein paar internationale Einsprengsel, damit es nie fad wird.“

Bio-Bäckerei Stöcher

Der frische Herbstwind fegt die bunten Kastanienblätter über den gepflasterten Marktplatz und die fröstelnden Wandersleute und Kurgäste direkt in die warme Stube, wo schon seit dem Mittelalter Brot gebacken wird: Im Herzen des Kurortes Bad Zell in einem historischen Gebäude gelegen, kann die Bio-Bäckerei der Familie Stöcher gar nicht anders als der Tradition verpflichtet zu sein. „Das Wichtigste beim Backen ist die Zeit, damit der Teig rasten und seinen vollen Geschmack entwickeln kann“, meint Karl Stöcher, der nach altem Rezept und aus regionalen Biozutaten sein „Mühlviertler Urbrot“ im Holzofen bäckt. Auch für die verführerischen Mehlspeisen wie Himbeertorte, Butterkipferl und Briochegebäck verwendet er Mehl, Milch und Eier von Biobetrieben aus der unmittelbaren Umgebung. „Bio heißt für uns, dass wir mit naturbelassenen Zutaten arbeiten“, sagt Karl Stöcher. „Nur ein Zusatzstoff ist zu finden: viel Kreativität.“

Masters of Escape

Die kryptischen Kritzeleien an der Zellenwand können einen ganz schön in die Irre leiten, während man mit Geschick, detektivischem Spürsinn und vor allem viel Hirnschmalz versucht, aus dem berüchtigten Gefängnis Clara County zu flüchten. „Der Reiz liegt darin, dass man nicht weiß, wonach man genau sucht“, lacht Rainer Rapp, der gemeinsam mit seiner Frau und zwei Freunden im Sommer 2015 den Rätselspaß Masters of Escape ins Leben gerufen hat. Dabei wird eine Gruppe in einen Raum gesperrt, der als Höhle oder Knast gestaltet ist, und muss sich innerhalb einer Stunde daraus befreien. Über Kameras verfolgt Rapp den Fortschritt des Teams und gibt auf Wunsch hilfreiche Hinweise, wenn es nicht mehr weiterkommt. „Wir sind im Vergleich zu anderen Anbietern eher schwierig, damit keiner schon nach 20 Minuten draußen ist“, sagt Rapp verschmitzt. Alle paar Monate werden die Rätselräume gänzlich umgestaltet, um auch wiederkehrenden Gästen ordentliche Kopfnüsse aufzugeben, erklärt er: „Wir haben alle vier Technik studiert, daher können wir immer wieder neue Tricks einbauen!“

Mystisches Oberösterreich

Irgendwo zwischen Himmel und Hölle liegt ein Landstrich, wo sich allerhand Hexen, Heilige und Höhlenwichtel herumtreiben: So abwechslungsreich die Landschaft, so vielseitig ist auch die Sagenwelt in Oberösterreich, weiß Peter Pfarl. Gemeinsam mit dem Fotografen Toni Anzenberger hat es sich der 75-jährige Jurist zur Aufgabe gemacht, sowohl die Orte dämonischer Dunkelheit als auch wundersamen Wirkens in seinem Buch Mystisches Oberösterreich zu dokumentieren. Der erzählerische Streifzug führt von den granitenen Opferschalen des Mühlviertler Hügellands über löchrige Teufelsschlösser im Donautal bis zu den tollkühnen Wilderern des Salzkammerguts und zeichnet dabei mit Geschichten und Geschichte ein sagenreiches Bild vom Land ob der Enns.

Nachbars Garten

Dornen auf dem Stängel, Dornen auf den Blättern, Dornen auf der Frucht, aber der süße Geschmack der Litschi-Tomate entschädigt für die schmerzhaften Stacheln, „die erst nach zwei Wochen wieder aus der Haut kommen“, berichtet Clemens Wurm aus leidlicher Erfahrung. Glücklicherweise muss man die Früchte nicht selber ernten, sondern kann sie geschält und entstachelt im Hofladen von Nachbars Garten kaufen. Auf dem Versuchsfeld direkt neben dem alten Bauernhaus in Oftering wachsen exotische Physalis, Tomatillos und Honigmelonen neben heimischen Kraut und Rüben, die für den freitäglichen Ab-Hof-Verkauf knackfrisch geerntet werden. „Den Salat hab ich grad vor 20 Minuten geschnitten“, erzählt Wurm. Vor 15 Jahren hat er den elterlichen Hof auf Bio umgestellt und dafür sein Wirtschaftsstudium abgebrochen. „Da kriegst jedes Mal einen richtigen Flash, wenn du an der Frischluft rackerst“, erinnert er sich an die Umstellung von Hörsaal auf Gemüsefeld. Bereut hat er die Entscheidung nie: „Als Biobetrieb kannst du viel mehr gestalten, und die Biobauern helfen sich untereinander mit ihren Erfahrungen total gern weiter.“

Kinderkram

Die kulleräugigen Kätzchen auf dem gagerlgelben Leiberl sehen so aus, als wären sie dem farbenfrohen Traum eines Kindes entsprungen, das eine ganze Nacht in der Zuckerlfabrik verbracht hat. „Wir freuen uns immer, wenn wir solche Retro-Sachen entdecken“, lacht Lilly Koslowsky, Verkäuferin im Kinderkram am Linzer Volksgarten. Besonders die ökofairen Kindermodelabels aus Skandinavien baden in den grellbunten Farben der frühen Siebziger, und auch viele Spielsachen wirken wie den Kindheitstagen der Elterngeneration entsprungen. Einfach und farbenfroh sollen Kleidung und Spielzeug sein, darüberhinaus umweltfreundlich, in Europa hergestellt und plastikfrei, erklärt Besitzerin Eva Höller. Egal ob wollige Häkelpuppen, Fläschchen aus Edelstahl und giraffenförmige Beißhilfen aus Naturkautschuk, „jedes Stück haben wir mit viel Sorgfalt ausgesucht und mit unseren Kindern getestet“. Ein eigener Tisch ist für die Produkte von Linzer Designerinnen reserviert, die in Handarbeit Bären auf Leiberl häkeln oder tierische Schnullerketten basteln. „Diese individuellen Nischenprodukte sind beliebte Geschenke“, erzählt Koslowsky. „Besonders wenn man selber nicht gern näht.“

Minigolf Freinberg

Die Erinnerung an das angeknackste Nasenbein vom letzten Besuch geistert mir noch durch den Hinterkopf, während ich den Ball auf den weißen Abschlagpunkt der Bahn 1 lege. Diesmal, so der Vorsatz, werde ich einen gehörigen Respektsabstand zu den anderen Spielerinnen und Spielern einhalten. Abgesehen von der – zugegebenermaßen geringen – Verletzungsgefahr ist Minigolf der perfekte Sommersport, ist er doch ähnlich anstrengend und schweißtreibend wie eine gute Partie Schach. Kein Wunder also, dass nicht nur in den Touristenburgen rund um den Globus, sondern auch am Linzer Freinberg mehr oder weniger konzentriert und koordiniert auf den Gummiball eingedroschen wird. Die 18-teilige Hindernisbahn bietet dabei nicht nur eine gehörige Portion Nostalgie, sondern wirkt auch wie eine Zen-mäßige Übung in Impulskontrolle, wenn der Ball auch beim sechsten Versuch wieder haarscharf am Loch vorbeischrammt. Hat man die widerspenstige Kugel schließlich im 18er-Loch versenkt, kann man mit einem Ottensheimer Thorbräu auf den Sieg anstoßen oder mit einem Eis der geschundenen Seele Trost spenden.