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Sagenreiseführer Oberösterreich

Der Teufel war früher ein ganz schön umtriebiger Geselle: In Rohrbach tanzt er mit blutjungen Mädchen, in Braunau packt er gottlose Knechte beim Krawattl und am Abersee baut er eine Kirche, nur um vom heiligen Wolfgang um seinen Lohn geprellt zu werden. Oberösterreich ist reich an fesselnden Sagen, die reale Orte mit fantastischen Figuren wie Drachen, Nixen und dem Schwarzen Mönch verknüpfen. Autor Erich Weidinger und Fotograf Michael Maritsch haben sich auf Spurensuche begeben und in allen vier Vierteln mythisch-mystische Schauplätze aufgespürt. Entstanden ist daraus ein Reiseführer, der Geschichte und Geschichten auf kurzweilige Art miteinander verbindet. Die 43 Ausflüge, Rundgänge und Wandertouren führen zu historischen Ruinen, geheimnisvollen Felsformationen und bezaubernden Naturjuwelen, wo sich mit dem Buch in der Hand die Pforten zur heimischen Sagenwelt öffnen.

Taschenlampenführung im Neuen Dom

Gespenstisch irrlichtern die Taschenlampen durch den gewaltigen Innenraum, der ansonsten nur von vereinzelten Kerzen und dem diffusen Leuchten der Straßenlaternen erhellt wird: Bei Nacht ist der Neue Dom ein geheimnisvoller Ort, den man bei einer abendlichen, knapp einstündigen Führung im Schein der LED-Lampen erkunden kann. Die Erläuterungen über die Baugeschichte und die architektonischen Besonderheiten verblassen angesichts der mystischen Atmosphäre in der größten Kirche Österreichs. Von der unterirdischen Krypta mit dem Superman-Krippenengel führt der Weg an Steinfratzen vorbei und über schmale Wendeltreppen hinauf bis zum Dachstuhl, wo sich zum Abschluss des Rundgangs ein atemberaubender Ausblick von der Außengalerie bietet: Luftige 30 Meter über dem Domplatz liegt den Nachtaktiven die ganze Innenstadt mit ihren hell leuchtenden Straßenzügen und Schaufenstern zu Füßen.

Cinematograph

Mit schwarzer Fliege, Nickelbrille und gepflegtem Schnurrbart begrüßt Herr Georg höflich sein Publikum, als wäre er gerade einem seiner Filme entsprungen. „Heute sehen Sie einen meiner absoluten Lieblingsstreifen“, schwärmt der leidenschaftliche Cineast, bevor der geschichtsträchtige Projektor losrattert. Das Cinematograph ist eine magische Zeitmaschine in die goldene Ära des Kinos: Historische Spielfilme und Dokumentationen in Schwarzweiß stehen am Programm des Liebhaberkinos. In dem 400 Jahre alten Gebäude an der Donaulände finden 35 Personen auf schmalen, rot gepolsterten Sesseln Platz. Neben der Leinwand steht ein rabenschwarzes Piano zur musikalischen Begleitung von Stummfilmen bereit, daneben ein Schild mit der Bitte, nicht auf den Boden zu spucken. Vor und nach den Vorstellungen serviert Frau Traude im angrenzenden Café kaiserliche Rumford-Suppe mit Graupen oder Altwiener Kaffeespezialitäten in Gmundner Keramikhäferln. Jeden Sonntag gibt es zwischen Kachelofen, Spieluhr und vergilbten Fotos ein ausgiebiges Kinofrühstück: Gestärkt mit Melange und Marmeladensemmerl, startet man mit wahren Filmklassikern gemütlich in den Tag.

Limonistollen

Gleich in der Nähe der überdimensionalen Jolly-Stifte bei der Kapuzinerstraße liegt der verborgene Eingang zum Limonistollen. Zwangsarbeiter haben in der NS-Zeit ein kilometerlanges Tunnelsystem in den Sandstein unter dem Bauernberg gegraben, das der Bevölkerung und dem Gauleiter während der Luftangriffe als Bunker gedient hat. Heute darf man die labyrinthische Anlage nur mehr bei Führungen betreten. Allerdings ist fraglich, wie lange noch: Stadt Linz und Republik Österreich streiten darüber, wer die kostspielige Erhaltung tragen muss. So modert und rostet das bisschen verbliebene Einrichtung vor sich hin, und kleine Stalaktiten und Pilze wachsen mancherorts von der gewölbten Ziegeldecke. Trotz warmer Kleidung verursacht der Stollen ein leises Frösteln, das nicht nur an der kühlen Luft, sondern auch an dem nachlässigen Umgang mit einem Stück Stadtgeschichte liegt.